05.07.2026, Sunday - Keltertour mit dem Lastenrad

When Foodsharing gives you apples, make apple chips?

(Englisches Sprichwort, modifiziert)

Nachdem ich die letzten Jahre viele gerettete Aepfel zu Apfelchips verarbeitet hatte und diese dann wieder verteilt, wuchs in mir der Wunsch, mal etwas Anderes mit dem geretteten Obst zu machen. Kiloweise Aepfel oder Birnen in Ringe zu schneiden, ist meditativ und wenn man nebenbei eine Serie gucken kann, ist das ganz nett. Aber irgendwann ist das auch droege. Spaetestens, wenn man 4 Kilo Trauben beliest und halbiert, um Rosinen draus zu machen, ist auch meine Geduld am Ende.

Also ging ich auf die Suche nach einer Kelter, auch Obstpresse genannt.

Mal aus Spass bei Aliexpress gesucht und siehe da, direkt was gefunden. Knapp 75 Euro, kostenloser Versand, 3 Tage Lieferzeit aus Spanien, also kein Zoll und so. Waere jetzt gar nicht mal so schlecht.

Angebot Obstpresse Aliexpress

Ein wenig Recherche spaeter bei Bauhaus fuendig geworden. Das gleiche Modell, wie auf Aliexpress, aber 5 Euro billiger. Das ist wild.

Angebot Obstpresse Bauhaus

Aber bevor ich etwas neu kaufe, gucke ich dann gerne mal bei kleinanzeigen.de (Hiess mal ebay-kleinanzeigen) rein. Muss nicht neu sein, kann gerne auch gebraucht sein, und manchmal hat man die Sachen schneller selbst abgeholt, als sie verschickt werden, kommt guenstiger weg, weil gebraucht und weil andere Leute den Kram einfach loshaben wollen. Und natuerlich ists fuer die Umwelt besser, wenn nicht doppelt produziert wird und die Transportwege kurz bleiben. Manche Dinge kann man auch gut mit dem Fahrrad abholen.

Inserat Obstpresse kleinanzeigen

Je nun. In Michelstadt wurde eine Obstpresse fuer 75 Euro auf Verhandlungsbasis angeboten. Michelstadt ist nun wirklich nicht weit weg von Darmstadt und man kann da relativ entspannt hinradeln.

Also Preisvorstellung hingeschrieben und nach zaehen Verhandlungen einen Abholtermin ausgemacht. Dann nochmal hingeschrieben, dass Samstag nicht so gut ist, weil ich da noch ein Alleycat fahren wollte und auf Sonntag verschoben.

Mein Vergangenheits-Ich war da extrem smart, direkt am Folgetag auf ein Rennen eine Tour mit Lastenrad zu planen. Aber man ist ja lernfaehig.

Kurz mal nachgeguckt, was so mein Schnitt ist, wenn ich mit dem Lastenrad fahre und dann noch die Steigungen auf dem Weg eingerechnet und dann kam ich bei 45km und 17km/h Schnitt bei guten drei Stunden Fahrzeit heraus.

Also um 6:15 Uhr aufstehen, wenn ich um 10 Uhr in Michelstadt sein will. Das waeren gute sechs Stunden Schlaf. Oh Boy, bereute ich meine Entscheidung. Die ersten Kilometer bis hinter Rossdorf beschwerte mein Koerper sich, dass die angebratene Polenta vom Vorabend dann doch wesentlich zu fettig war.

Bei den Rennradlern hat der Radprofi Jens Voigt den Spruch "Shut up legs!", gepraegt. "Shut up stomach" war meine Devise.

Das Gersprenztal hoch bis Ober-Gersprenz ging es weiter. Nicht schnell, aber kontinuierlich. Dann kam der Anstieg auf den Bergruecken, der Gersprenz- und Muemlingtal trennt. Zweimal bin ich kurz abgestiegen und habe das Rad ein paar Meter geschoben. Ich fuehlte mich sehr schlapp. Die Erschoepfung vom Samstag, zusammen mit der fruehen Uhrzeit, machte mir ordentlich zu schaffen.

Aber ich wollte ja ankommen. Abgemacht waren zehn Uhr am Sonntag, also musste ich auch da sein. Wieder aufs Rad geschwungen und die letzten Hoehenmeter angegangen. Ich war dann schneller auf dem Bergruecken, als ich es mir selbst zugetraut hatte. Dann ging es nur noch bergab in Richtung Michelstadt.

Um 9 Uhr kam ich am Ortsschild an.

Ankunft am Ortsschild

Vielleicht hatte ich mich unterbewusst doch zu stark angestrengt. Jetzt war ich ne Stunde zu frueh und tatsaechlich knapp ueber zwei Stunden fuer 47 Kilometer sind dann eher so 22 km/h im Schnitt und keine 17 km/h.

Kann man machen nix, muss man halt warten. 9:15 Uhr hatte ich dann tatsaechlich auch die Adresse gefunden, nachdem die Karten- und Navigationsapp meinte, mich dann ungefragt ans Ziel fuehren zu wollen und mich mehrfach im Kreis gelotst hatte, und ich sie dann ausschaltete.

Strassenschild "Am Donnersberg" in Michelstadt

Der Strassenname ist, wie ich finde, ein wenig gewagt. Der Donnersberg ist naemlich bei Kirchheimbolanden. Und das ist mehr als 80km weit weg.

Wers nicht glaubt, kann in der Wikipedia nachlesen.

Gluecklicherweise war der Mensch, der mir die Kelter verkaufen wollte schon auf den Beinen und hatte kein Problem damit, dass ich zu frueh da war. Wir hatten dann noch einen netten Plausch und nachdem ich so erzaehlte, warum ich die Kelter besorgte, gab es noch einen kleinen Rabatt und ein Glas selbstgeimkerten Honig. Das sind dann die Kontakte ueber Kleinanzeigen, die so viel Spass machen.

Gruss geht raus an Sven. Stabiler Typ. (Nachname der Redaktion bekannt)

Innerhalb einer Viertelstunde war alles im Lastenrad verladen und ich wieder auf dem Weg.

Kelter im Lastenrad eingeladen

Im Ortskern traf ich dann einen Freund ab, der um 6:10 in Karlsruhe mit dem Zug gestartet ist und dann ab Eberbach mit dem Rad nach Michelstadt gefahren ist, um mich auf dem Weg nach Darmstadt zu begleiten.

Raeder vor dem Café MiddeNoi

Noch vor zehn Uhr hatten wir Michelstadt verlassen und waren auf dem Rueckweg. Die Temperatur war in der Zwischenzeit etwas gestiegen und ich fuehlte mich viel besser. Der Anstieg von Michelstadt aus ging dann deutlich leichter.

Zwischendurch fanden wir am Strassenrand einen Meilenstein, der mit der Inschrift "Von Darmstadt 40Klm" beschriftet war. Stilles Zeugnis eines laengst vergangenen Grossherzogtums.

Meilenstein Inschrift des Meilensteins

Nach einiger Zeit gelangten wir auf dem Bergruecken an und eigentlch wollten wir dort zu Mittag rasten. Der einsetzende Nieselregen verdarb uns allerdings die Vesperlaune und wir beschlossen, nach Gross-Bieberau zu fahren und beim Eiswennel zu pausieren.

Lastenrad an der Kreuzung auf dem Bergruecken

Waehrend wir den Radweg nach Norden entlangfuhren, begann ich ein wenig Verstaendnis fuer Menschen mit Bondage-Kink zu entwickeln. Irgendwie macht Ladungssicherung, aka Dingefestbinden, Spass. Wahrscheinlich solange, bis man es beruflich machen muss.

Festgezurrte Fracht in der Kiste

Dann schaffte ich es noch einen Schnappschus von Unke zu erwischen. Schickes Alleycat faehrt der Dude da. Koennte fast von mir aufgebaut worden sein ;)

Unke auf Alleycat

Entlang der B38 kamen wir schnell zum Eiswennel und goennten uns zu unseren Onigiri (Reisdreiecke in Seetangblaetter eingeschlagen, mit Fuellung, Haben die Japaner erfunden) einen Milchshake und zum Nachtisch noch ein Eis.

Fahrraeder beim Eis-Wennel Onigiri mit Milchschake

Dann dauerte es noch eine Stunde, bis wir in Darmstadt ankamen. Wir mussten leider verdauen und liessen die letzten 20km entspannt angehen.

Photostop in Darmstadt

Am Ende kamen dann rund 92km zusammen und wieder eine Bewerbung fuer den Grand Prix des Fahrradfrachtens.

Tourstats aus GPSLogger gescreenshottet.

Wuerde ich das wieder machen? Ja. Aber nicht, wenn ich am Tag vorher einen Wettkampf hatte ;)